„Als Folge der Pandemie stellt heimische Industrie internationale Lieferketten auf den Prüfstand“


25. März 2022
Im Jahr 2020 waren bundesweit 8,18 Millionen Erwerbstätige im produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) beschäftigt, davon über eine halbe Million in der Metropolregion FrankfurtRheinMain. Rund ein Viertel der gesamten Bruttowertschöpfung wird in den Unternehmen des produzierenden Gewerbes erwirtschaftet. Der Stärkung des Industriestandortes Deutschland kommt daher für die Sicherung von Beschäftigung und Wohlstand eine zentrale Rolle in der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zu.
Doch seit zwei Jahren beeinflusst die COVID-19-Pandemie das wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Leben weltweit. Die Industrie war der erste Wirtschaftsbereich, der die Folgen der Pandemie zu spüren bekam. Unmittelbar nach dem Ausbruch in China und des folgenden Lockdowns mussten bereits im Februar 2020 zahlreiche Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes ihre Produktion im Inland drosseln, weil wichtige Zulieferteile aus China fehlten beziehungsweise sie eigene Fertigungsstätten in China schließen mussten. Im weiteren Verlauf der Pandemie hat sich jedoch die Industrie als wichtiger Stabilisator erwiesen. Aktuell liegt die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe annähernd auf dem Niveau des Vorkrisenjahres 2019; die Produktion zog 2021 wieder deutlich an. Allerdings begrenzen zurzeit Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorleistungsgütern in den meisten Industriebranchen das Wachstumspotenzial.
Wie wird sich die COVID-19-Pandemie aber mittel- bis langfristig auf die heimische Industrie auswirken? Welche Veränderungsprozesse erwarten die Unternehmen in der Metropolregion FrankfurtRheinMain (FRM) als Folge der Erfahrungen aus der Pandemie? Diesen Fragen ist die Wirtschaftsinitiative PE RFOR M nachgegangen und hat zum Jahresende 2021 Industrieunternehmen mit Sitz in FrankfurtRheinMain befragt. An der Online-Umfrage haben sich über 400 Industriebetriebe beteiligt. Die Befragung fand vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine statt. Die Auswirkungen des Kriegs konnten daher auch nicht thematisiert werden und spiegeln sich daher auch noch nicht in den Ergebnissen der Befragung wider. Es ist aber davon auszugehen, dass die tiefgreifenden geopolitischen Veränderungen die im Folgenden geschilderten Entwicklungen in der Industrie noch verstärken werden.
Befragt wurden die Unternehmen zu ihren Plänen zu Produktionsstandorten, unternehmerischen Zielen, künftigen Geschäftsmodellen, dem Stand der Digitalisierung und Automatisierung sowie der Bedeutung von Homeoffice und Kundenpflege.

Ergebnisse der Befragung:
Die Europäische Union gewinnt als Produktionsstandort wieder an Bedeutung
Die Globalisierung wird voraussichtlich auch in Zukunft weiter voranschreiten. Die Erfahrungen aus der Pandemie und die gegenwärtigen Lieferengpässe haben aber dazu geführt, dass zahlreiche Unternehmen ihre Lieferketten überdenken. Viel spricht dafür, dass es teilweise zu Rückverlagerungen aus Asien in die EU kommt. Zumindest 73 Prozent der Industriebetriebe in FrankfurtRheinMain stimmen überwiegend oder vollständig der Ansicht zu, dass „internationale Lieferketten überdacht werden und der Produktionsstandort EU an Bedeutung gewinnt“. Inwieweit von diesem Prozess auch Deutschland und die Metropolregion FrankfurtRheinMain profitieren wird, hängt entscheidend von den Standortbedingungen ab. Aus Sicht der Unternehmen sind vor allem die Verfügbarkeit von Fachkräften und Lehrstellenbewerbern, eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, eine sichere Energieversorgung sowie eine gute Verkehrsanbindung von zentraler Bedeutung.
„Resilienz“ wird zum unternehmerischen Ziel
Wirtschaftliche Entscheidungen erfolgen stets unter Unsicherheit. Darauf sind die unternehmerischen Entscheidungsträger eingestellt. Wie die Pandemie und die Situation rund um Rohstoffknappheit gezeigt haben, können jedoch Situationen eintreten, die zumindest in dem Ausmaß unabsehbar und damit äußerst unwahrscheinlich waren und kurzfristig bisherige Entscheidungen obsolet werden ließen. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass für die Industrie das Thema „Resilienz“ als unternehmerisches Ziel stark an Bedeutung gewonnen hat: 83 Prozent der Industriebetriebe in FrankfurtRheinMain sind der Auffassung, dass die Widerstandskraft gegenüber Störungen und Veränderungen (Resilienz) zukünftig als unternehmerisches Ziel stärker in den Fokus rückt.
Bisherige Geschäftsmodelle stehen auf dem Prüfstand
Die Erhöhung der Widerstandskraft auch gegenüber sehr unwahrscheinlichen Störungen und Veränderungen sowie die Anpassung der Lieferketten führt dazu, dass durch die Folgen der Pandemie die bisherigen Geschäftsmodelle überdacht werden. 73 Prozent der Betriebe sind zumindest überwiegend der Ansicht, dass als Folge der Pandemie gegebenenfalls auch neue Wege eingeschlagen werden müssen.
Die Pandemie als Schub für Digitalisierung und Automatisierung in der Produktion
Neue Geschäftsmodelle in der Industrie werden noch stärker als bisher die technologischen Möglichkeiten durch die Digitalisierung ausschöpfen. 82 Prozent der Industriebetriebe sind der Auffassung, dass mittel- bis langfristig als Folge der COVID-19-Pandemie Digitalisierung und Automatisierung in der Produktion nochmals an Bedeutung gewinnen werden. Von diesen Veränderungsprozessen profitieren vor allem auch die Ballungszentren als Industriestandorte.
Homeoffice nicht überall umsetzbar und auch nicht immer effizient
Die Pandemie hat auch die Arbeitswelt verändert. Homeoffice bzw. mobiles Arbeiten ist aktuell in den meisten Industriebetrieben zur Regel geworden. Allerdings bleibt die Möglichkeit zum Homeoffice zumeist auf Bürotätigkeiten beschränkt. Viele Tätigkeiten – etwa in der Produktion – sind zu Hause nicht durchführbar. Hinzu kommt, dass die Erfahrungen mit Homeoffice und mobilem Arbeiten gezeigt haben, dass auch Effizienzverluste die Folge sein können; zum Beispiel durch Defizite im Informationsprozess oder die Überforderung der Beschäftigten durch die zunehmend aufgehobene Trennung von Arbeits- und Privatleben. Vor diesem Hintergrund stimmen nur 27 Prozent der Industriebetriebe der Aussage vollständig zu, dass durch die Pandemie auch langfristig die Bedeutung von Homeoffice steigen wird; immerhin noch 39 Prozent sind jedoch überwiegend dieser Ansicht.
Persönliche Kundenkontakte bleiben wichtig
Durch die Pandemie mussten Messen abgesagt werden und persönliche Meetings verschoben sich in den digitalen Raum. Immerhin zwei Drittel der Industriebetriebe in FranfkurtRheinMain sind zumindest überwiegend der Auffassung, dass auch langfristig Geschäftsreisen zunehmend durch Online-Konferenzen ersetzt werden. Allerdings wird der persönliche Erstkontakt bei der Geschäftsanbahnung weiterhin von Bedeutung bleiben. Vor diesem Hintergrund geht auch eine Mehrheit der Industriebetriebe nicht davon aus, dass internationale Messen für Industrieunternehmen an Bedeutung verlieren werden.